Vorbemerkung und allgemeine Informationen

Hallo ,
herzlich willkommen im digitalen Anhang zu Swami Ramas Bhagavad Gita – Der Gesang des Göttlichen. Ewiger Fluss der Weisheitslehre von der Seele und ihrer Wege. Positive Weltsicht und Leitfaden für Sinn, Erfüllung und Freude im Leben.
Dieses Buch und sein Kommentar sind etwas Besonderes, weil es die Bhagavad Gītā in einer einzigartigen Weise betrachtet. Es würde hier zu weit gehen, diese Besonderheiten im Detail zur erkunden. Ich habe vieles davon in meinem Vorwort und Hinführung im Buch (Seiten 9 bis 25) ausgeführt, insbesondere der spezielle Blickwinkel aus der Śrī- Vidya-Tradition, die im Westen besser als Himalaya-Tradition oder Tradition der Meister das Himalayas bekannt ist. Dies sind jedoch schon die Feinheiten, weshalb der der Blick dieses Kommentares auf die »Bibel des Ostens«, wie die Bhagavad Gītā oft genannt wird, einzigartig ist.
Glücklicherweise gibt es ein Videoausschnitt eines Vortrages von Swami Rama, in dem er in einem Satz seinen Blick auf die Bhagavad Gītā darstellt. Dieses Video ist im Anhang 6 für alle Interessierten offen zugänglich, nicht nur für die Besitzer des Buches, die zu den geschützten Teilen des digitalen Anhangs kostenfreien Zugriff haben. Die vielleicht überraschende Aussage von Swami Rama lautet: »Die Bhagavad Gītā ist kein religiöser Text!« Da Swami Rama es liebte, zu provozieren, setzte er gleich noch eines obendrauf: »Vergiss alle Bücher, die dir etwas anderes weismachen wollen!« – So weit möchte ich nicht gehen. Eine der Maxime der Himalaya-Tradition könnte lauten: »Leben und Leben lassen«. Es steht allen Menschen frei, die Bhagavad Gītā als religiöse Offenbarung zu betrachten. Es steht jedoch nirgendwo, dass man es tun muss!
In Zeiten von zunehmender Polarisierung durch Identifikation mit Nation und Religion – inklusive der brutalen, unmenschlichen Kriege und von gewalttätigen Akten aller Art – mag der im Kern zutiefst wohltuende Rückzug auf die Position »Die Bhagavad Gītā ist kein religiöser Text!« zunächst befremdlich erscheinen. Was ist die Bhagavad Gītā dann, wenn es nicht um Religion geht?
Die Antwort ist ganz simpel: »Die Bhagavad Gītā ist ein Text über das wahre Menschsein!«. Und zwar das Menschsein im bestmöglichen Sinne, ja im konstruktivsten Sinne – was wiederum heißt, es geht nicht um die Wahrnehmung unseres Menschseins im Sinne von »Ego-Boosting« oder »Self-Hacking«! Vielmehr geht es darum, uns im Menschsein als eine konstruktive Kraft für unser eigenes, persönliches Leben sowie in unserem familiären und sozialen Umfeld wahrzunehmen. Oder ganz radikal: Wenn wir wahres Menschsein verwirklichen, verkörpern und Leben, werden wir zu einer positiven Kraft im Universum, um die herum sich andere positive Kräfte positionieren.
Vielleicht hört sich aus dieser Perspektive das Streben nach wahrem Menschsein nach Anstrengung und potenzieller Selbstüberforderung an. Doch das ist es nicht. Im Gegenteil!
Der Ausgangspunkt ist die Überforderung von Arjuna durch die Situation, in der er sich findet: der bevorstehende Kampf mit der Verwandtschaft auf dem Schlachtfeld – Überforderung als direkte Konsequenz des »Menschseins im eingeschränkten Sinne«. Was Śrī Kṛṣṇa an Arjuna vermittelt ist, sind keine religiösen Gebote, die Arjuna zum perfekten »Glaubensmenschen« machen sollen. Vielmehr zeigt Śrī Kṛṣṇa all die verschiedenen Wege auf, die auf den Gipfel führen, den ich hier »wahres Menschein« nenne. Manche dieser Wege sind relativ einfach und schlängeln sich gemächlich den Berg hoch, andere Wege würden die meisten eher als waghalsige Klettersteige betrachten. Doch so sind wir Menschen eben: Wir sind unterschiedlich – doch leider vergessen wir das zu oft! Śrī Kṛṣṇa, die Stimme des universellen Bewusstseins, vergisst es nicht und öffnet in seinem Mitgefühl und in seiner Gnade so viele Wege zu diesem Gipfel des wahren Menschseins, dass für jeden von uns ein Weg dabei ist.
Genau das ist es, worin die Stärke dieses Kommentars von Swami Rama liegt: egal wo wir in unserem Menschsein stehen, die Blickweise und Interpretation aus der Sicht der Himalaya-Tradition fordert niemals »blinden Glauben«, sondern immer die Selbstreflexion: »Wo stehe ich? Wo möchte ich hin? Wie komme ich dorthin?«, sodass wir immer etwas darin finden, was uns im Leben inspiriert und weiter bringt, selbst wenn wir nicht unmittelbar das Ziel haben, zum »wahren Menschsein« zu finden. Denn es geht gar nicht unbedingt darum, dies von Anfang an wirklich als Ziel im Bewusstsein zu haben. Vielmehr geht es darum, einen Pfad oder Pfade zu wählen, die uns zunächst aus der Verzweiflung unseres »persönlichen Schlachtfeldes des Lebens« heraus auf die erste Anhöhe bringen, von der aus wir weiter sehen, von der aus wir unser Leben besser überblicken können – und sei es zunächst der Blick auf die nächste Anhöhe.
So kann uns die Bhagavad Gītā und der Kommentar von Swami Rama Schritt für Schritt weiterbringen, bis wir vielleicht irgendwann realisieren, dass wir alle im Grunde unseres Herzens nach dem »Gipfel des wahren Menschseins« suchen, selbst wenn wir es vielleicht erst irgendwann im Leben erkennen, wenn dieser Gipfel in unser Blickfeld rückt.
Auf diesem Weg kann es hilfreich sein (muss es aber nicht!), in diesen digitalen Anhang zu schauen. Er wurde liebevoll mit der Intention gestaltet, unterschiedlichsten Ansprüchen gerecht zu werden und gleichzeitig den Umfang des Druckbuches hinsichtlich des Lesegewichts und der Ressourcenverwendung und Druckkosten in Grenzen zu halten. Ich hoffe, dass dies im Sinne aller Leserinnen und Leser ist.
Viel Freude und Inspiration also mit dem Buch und dem digitalen Anhang!
Michael Nickel
Herausgeber und Übersetzer des Buches

